27 Okt

Buchbesprechung Literaturkritik.de 2021

Buchbe­sprechung / Rezen­sion auf Lit­er­aturkri­tik von Prof. Dr. Stephan Wolting

Aus­gabe Nr. 10, Okto­ber 2021

Als Text:

Vom Händewaschen und Verseschreiben zu Zeiten der Pandemie(n)

Safiye Can versucht in ihrem neuen Lyrikband „Poesie und Pandemie“, dem Unvorhersehbaren eine Form zu geben

Von Stephan Wolting

Besproch­ene Büch­er / Literaturhinweise

Erschienen zu Beginn der Pan­demie vor allem Tage­buchaufze­ich­nun­gen oder biographis­che Noti­zen als Aufze­ich­nun­gen[1], so find­en sich in jüng­ster Zeit inner­halb der deutschsprachi­gen Lit­er­atur ver­stärkt for­maläs­thetisch stren­gere, sprich lyrische Bände, die ver­suchen, der Pan­demie eine Form zu geben, was an ander­er Stelle aber auch schon als „Quar­an­täne­lyrik“ abqual­i­fiziert wurde (Michael Braun, Deutsch­land­funk Kul­tur). Als eines der bekan­ntesten Werke in diesem Zusam­men­hang gilt sicher­lich das Werk von Volk­er Braun mit dem Titel Große Fuge, das mehrere Wochen auf der SWF-Besten­liste stand, wo der Lyrik­er mit der inzwis­chen gern zitierten Formel die Sit­u­a­tion beschreibt: „die Hände gewaschen und eine Hand­voll Verse geschrieben“.

Zugle­ich befand sich auf der SWR-Besten­liste das Werk der in Offen­bach leben­den Lyrik­erin Safiye Can, die vier Jahre später, nach dem Lyrik­band Kinder der ver­lore­nen Gesellschaft einen neuen Gedicht­band mit dem beina­he allit­er­a­tions­mäßig anmu­ten­den Titel Poe­sie und Pan­demie vor­legte. Zur Autorin lässt sich bemerken, dass sie die Tochter tscherkessis­ch­er Ein­wan­der­er ist, einem kleinen Kauka­susvolk, das seit dem Kauka­suskrieg in Rus­s­land eine unter­drück­te Min­der­heit darstellt. Heute leben viele Tscherkessen außer­halb des Kauka­sus, etwa in der Türkei, in Syrien, in Jor­danien, in Israel, Süd­ser­bi­en, Bosnien, den USA und in der EU. Can beschäftigt sich stark mit per­sis­ch­er und ara­bis­ch­er Dich­tung und über­set­zt ins Türkische und aus dem Türkischen. Sie hat ver­schiedene Preise erhal­ten wie den Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis und den AMF-Preis für aufrechte Lit­er­atur, jew­eils 2016. Can gilt als eine Art „poet­is­che Scheherazade“, oder „Botschaf­terin der Poe­sie“ (A poet­ry ambas­sador, Ari­zona Dai­ly Sun). Die Autorin veröf­fentlicht Erzäh­lun­gen, schreibt Lyrik, über­set­zt und ver­mit­telt vor allem sehr bild­stark ori­en­tal­is­che Poe­sie. Darüber hin­aus hat sie sich mit konkreter Poe­sie auseinan­derge­set­zt und sich davon in Bezug auf ihr eigenes Werk stark bee­in­flussen lassen.

Das gilt auch für den Band Poe­sie und Pan­demie, was allein graphisch schon am Titel­bild deut­lich wird: Eine Rose sprießt aus dem Kopf ein­er Frau, worin als Blüte in der Mitte das bekan­nte Coro­na-Sym­bol her­auswächst. Ins­ge­samt umfasst der Band nur ca. 90 Seit­en, wobei das Titelgedicht (Part I und II) Poe­sie und Pan­demie fast die
Hälfte des Bands aus­macht. Sie legt den Begriff über die medi­zinis­che „Indika­tion“ von Covid-19 weit aus und bezieht die vie­len Pan­demien auf der Welt mit eben­falls zum Teil schw­eren Krankheitsver­läufen wie Diskri­m­inierung, Ras­sis­mus, Benachteili­gung von Frauen etc. mit ein. Vor­weg gesagt, stellt sie in einem konkreten wie abstrak­ten Sinne diesen Heim­suchun­gen die Liebe und die Men­schlichkeit ent­ge­gen, was an ein Zitat des pol­nis­chen Lyrik­ers und Lit­er­atur-Nobel­preisträgers Czes­law Milosz erin­nert, dass allein die Güte und die Poe­sie bleiben wer­den, auch in diesen dun­klen Zeit­en. Sie möchte im konkreten wie im über­tra­ge­nen Sinne ein Zeichen set­zen, ein „Windlicht für dun­kle Tage“ und set­zt dem Werk ein Mot­to aus Kierkegaards Entwed­er-Oder voran: „Sieh, darum will ich lieber Schweine­hirt sein auf Amaber­bro und von den Schweinen ver­standen sein, als Dichter sein und mißver­standen (sic!) von den Menschen.“

Dieses Zitat „beschreibt“ die Darstel­lungsweise von Safiye Can äußerst präzise, die man als poli­tisch engagierte Poe­sie beze­ich­nen kön­nte. Sie oszil­liert zwis­chen dem lyrischen Bild und einem starken gesellschaft­spoli­tis­chen Engage­ment. So ist das Gedicht Wenn du eine Frau bist in „Zusam­me­nar­beit“ mit 150 Teil­nehmerin­nen ent­standen, die einem Aufruf Canszur Mit­gestal­tung fol­gten. Das Gedicht Einzeltäter ist eine direk­te Erwiderung auf Dirk Hül­strunks Gedicht atten­tat. Es ließe sich hier von einem Gedicht und Gegengedicht, im Sinne von Rede und Gegenrede sprechen und das iro­nisch, fast sarkastisch mit den Zeilen endet: „nur ein Einzeltäter noch/ nur noch ein Einzeltäter/ und noch ein aller/ let­zter Einzeltäter/ nur ein­er noch/ wirklich/ dann wird alles/ wieder gut“. Dieses poli­tis­che Engage­ment durch­läuft alle Werke Cans, ver­bun­den aber immer mit ein­dringlichen exis­ten­tiell poet­is­chen Bildern, wie etwa: „Wir kon­nten in diesem Jahr keinen Abschied nehmen von unseren Lieb­sten. Wir star­ben alleine.“

Was haben sie 2020 eigentlich gemacht?“ Die Frage und Antwort von Volk­er Braun ließe sich mit dem Titelgedicht von Safiye Can so beant­worten: „Wir haben in diesem Jahr gel­ernt“, ca. 46mal taucht diese Wen­dung auf, hier nur ein Beispiel dazu:

 

 

Wir haben in diesem Jahr gelernt
wie man sich die Hände wäscht
Wir haben in  diesem Jahr gelernt
was wichtig ist
näm­lich die ein­fach­sten, sim­plen Dinge
wie Mehl, Salz, Zuck­er, Seife
Natron, eine gute Handcreme
Essig, Kolonya
die Anwe­sen­heit von Familienmitgliedern
die Stimme am anderen Ende der Leitung
Vit­a­mine für die Abwehrkräfte
und das Einat­men frisch­er Luft.

 

Manch­mal auch mit: „Wir haben in diesem Jahr erfahren“ oder „Wir haben in diesem Jahr ver­standen.“ Das gesamte Gedicht Poe­sie und Pan­demie fängt immer wieder mit dem Satz „Wir haben in diesem Jahr gel­ernt“ an und kom­biniert ihn mit immer neuen (manch­mal auch wieder­hol­baren) Inhal­ten. Dieser Satz kennze­ich­net die Poe­sie Cans, er ist wie eine Beschwörungs­formel zu lesen: Der Teil­satz wird so oft wieder­holt, dass man schließlich in Zweifel gerät, ob wir wirk­lich gel­ernt haben, frei nach dem Mot­to Adornos. Man muss einen Satz so lange anblick­en, bis er fremd zurückblickt.

For­maläs­thetisch besticht der Band zudem mit Beispie­len konkreter Poe­sie wie Bild/­Text-Col­la­gen und Ver­satzstücke aus Break­ing News (teil­weise ist auf der einen Seite der Text, auf der anderen Seite ist der Text graphis­chen dargestellt), wie etwa das Gedicht Europa auf dem Prüf­s­tand, das auf eine Land­karte fol­gende (Schlag-)Zeilen in unter­schiedlich­er Schrift­größe pro­jiziert (alles, was riesig markiert ist, wird im Fol­gen­den fett gedruckt): „Europa auf dem Prüfstand/ Der Flüchtlingsstrom bewegt/ die große/ Katas­tro­phe. Der Todeskampf./ Wohlstand/ und Ruhm ohne Lieben/ ist erstar­rtes Leben.“ In ähn­lich­er Weise sind die Gedichte Him­mel auf Erden und Morn­ing World gestal­tet. Zu erwäh­nen ist außer­dem, dass neben den Nachricht­en­mel­dun­gen noch Hygien­etipps und Sta­tis­tiken der Johns-Hop­kins Uni­ver­si­ty in Zusam­men­hang mit Todes­fällen (15.02.2021 und 21.06.2021) als „lit­er­arische Texte“ aufge­lis­tet sind.

Allein diese Art der Gestal­tung und Zusam­men­stel­lung lässt Leserin und Leser poli­tisch aufhorchen, bess­er noch auf­blick­en. Man kann nur hof­fen, dass die von der Autorin beab­sichtigte Karg- und Ein­fach­heit manch­er Texte nicht mit Sim­pliz­ität ver­wech­selt wird.

Ins­ge­samt ist der Lyrik­erin ein dur­chaus engagiert­er poet­is­ch­er Wurf gelun­gen, indem sie darauf aufmerk­sam macht, dass noch „Lieder jen­seits oder nach der Pan­demie zu sin­gen“ bzw. Gedichte zu schreiben sind, die den Fin­ger tief in die Wunde leg­en und auf all das ver­weisen, was wir, kon­fron­tiert mit der Pan­demie, hät­ten ler­nen kön­nen bzw. hof­fentlich noch ler­nen werden.

[1] Man denke etwa an das „Jour­nal“ von Car­o­line Emke oder „Als wäre immer Son­ntag. Die Coro­na- Tage­büch­er“ von Mar­co Lalli

 
Titelbild

Safiye Can: Poe­sie und Pandemie.
Wall­stein Ver­lag, Göt­tin­gen 2021.
96 Seit­en, 18 EUR.
ISBN-13: 9783835350083