8 Mai

Literaturkritik.de Uni DUE 2018

Can klagt die Gesellschaft an: uns alle und eben­so sich selb­st. […] Auch die The­men­var­i­anz lässt zwis­chen ern­ster Gesellschaft­skri­tik und mal leichter, mal melan­cholis­ch­er Liebeslyrik keine Wün­sche offen. Ein run­dum gelun­ge­nes Werk.”

Buchrezen­sion “Kinder der ver­lorne­nen Gesellschaft”
Literaturkitik.de, ein Beitrag aus der Redak­tion Gegen­wart­skul­turen der Uni­ver­sität Duis­burg-Essen, 8.5.2018

Frust und Bewun­derung
Safiye Can bedichtet in ihrem Band „Kinder der ver­lore­nen Gesellschaft“ die Verzwei­flung am großen Ganzen und das Beson­dere im Kleinen
Von Estelle Tim­mer­haus

Wir wer­den in diese Welt hinein geboren
und wir wer­den aus ihr her­ausster­ben.
Das ist kurz gesagt
die Zusam­men­fas­sung.

Mit diesen Versen öffnet und schließt Safiye Can das Langgedicht, das namensgebend für ihren aktuellen Gedicht­band Kinder der ver­lore­nen Gesellschaft ist. Er erzählt von Liebe, von Iso­la­tion, von Fremde und Ver­trautheit, Heimat, von Gedicht­en und vom Dicht­en – The­men, die sich durch das gesamte Werk ziehen. Safiye Can wird 1977 in Deutsch­land geboren und wächst als Kind tscherkessis­ch­er Eltern zwis­chen zwei Kul­turen auf. Migra­tion, ihren Platz in der Welt, in ein­er Gesellschaft find­en, beschäfti­gen sie in einem Großteil ihrer Lyrik. Kinder der ver­lore­nen Gesellschaft ist bere­its ihr drit­ter Gedicht­band, den sie im Wall­stein Ver­lag pub­liziert hat. 2014 veröf­fentlicht sie Rose und Nachti­gall – Liebesgedichte und ein Jahr später Diese Hal­testelle hab ich mir gemacht: Gedichte, die bei­de im Größen­wahn Ver­lag erschienen sind. Für ihr lyrisches Schaf­fen erhielt sie mehrere Preise, unter anderem 2016 den Alfred-Müller-Felsen­burg Preis für aufrechte Lit­er­atur.

Kinder der ver­lore­nen Gesellschaft ist in sechs Kapi­tel gegliedert, die sich ver­schiede­nen The­men wid­men. Can beschäftigt sich mit Iden­tität, Migra­tion und Zuge­hörigkeit. Neben der klas­sis­chen Stro­phen­form nutzt sie die Form konkreter Poe­sie. Der Garten präsen­tiert sich in der Form eines Baumes, Inte­gra­tion in Form eines Frageze­ichens. Bei Let­zterem erset­zt die Form das Satzze­ichen, welch­es hin­ter den aneinan­derg­erei­ht­en Fra­gen „Wie / viel / soll / man aufgeben / wie / viel / Gramm / abw­er­fen / von der / Seele sich wie / oft / verän­dern / nach / wessen / Belieben um anzu / kom­men / wo / genau / wann“ ste­hen müsste. Can ver­fasste für den Band eben­so mehrere klas­sis­che Liebesgedichte über das Glück der Liebe, aber auch über das Risiko, das mit ihr ein­herge­ht. In Verse an das Risiko adressiert das lyrische Ich „Her­rn Risiko“ und erk­lärt, warum es Män­ner wed­er anspricht noch von ihnen ange­sprochen wer­den möchte: „es kön­nte sich Liebe hin­ter ihnen ver­ber­gen“ und „Geht’s um Liebe / kann man sich selb­st kaum / über den Weg trauen.“ Azur­blauer Auf­bruch zeigt die poli­tis­che Seite der Dich­terin. Sie äußert sich kri­tisch über Umwelt und Gesellschaft, indem sie Col­la­gen aus aus­geschnit­te­nen Worten aufk­lebt, die optisch den Ein­druck von Erpresser­briefen machen. In dem Gedicht Mas­ter­plan wer­den Forderun­gen an die Welt for­muliert: „Schwem­mungen, Ern­teaus­fälle, Wasser­man­gel / Kon­sumver­hal­ten / die Über­fis­chung der Meere / stop­pen / Bewachung gemein­sam been­den / die Welt braucht / pink­far­bene Schat­tierun­gen / ozean­blaue Leinenservi­et­ten / und Schutzen­gel / sowie ein Plüschti­er.“ Das Kapi­tel „Aus dem Kind ist nichts gewor­den“ ist wohl das per­sön­lich­ste. The­ma­tisiert wird der Beruf des/r Dichter/in und die (häu­fig kri­tis­che) Mei­n­ung ander­er über die/denselben. Das let­zte Kapi­tel beste­ht aus dem titel­geben­den Gedicht Kinder der ver­lore­nen Gesellschaft und ist eben­falls nach diesem benan­nt. Es umfasst 47 Stro­phen.

Cans Gedichte fol­gen keinem klaren Schema. Sie benutzt keine Reime und unter­schiedliche Stro­phen­for­men. Mal beste­ht ein Gedicht aus nur ein­er Stro­phe, mal aus mehreren. Mal sind die Stro­phen gle­ich lang, mal unter­schiedlich lang. Auch die Verse dif­ferieren stark in ihrer Länge, inner­halb der Gedichte, aber auch im Ver­gle­ich ver­schieden­er Gedichte. Eine Form wen­det Can hinge­gen regelmäßig an. In eini­gen Gedicht­en lässt sie die Stro­phen mit dem gle­ichen Wort anfan­gen. So in Möglicher­weise ganz und gar: „Vielle­icht ist Heimat…“ und in Vor der Welt: „Wenn ich…“. Auch Ana­phern find­en sich im kom­plet­ten Gedicht­band verteilt. Im Gedicht Dich­terin­nen begin­nt Can die Verse fast auss­chließlich mit „Dich­terin­nen…“ und „Sie…“. 

Das lyrische Ich, das durch die meis­ten der im Band ver­sam­melten Gedichte führt, lässt Can vor dem inneren Auge lebendig wer­den und seine Gedichte selb­st vor­tra­gen. Dabei ver­wen­det sie eine klare Sprache, der man gut fol­gen kann. Ihre Lyrik bleibt gegen­ständlich, konkret. Über­flüs­sige Abstrak­ta und Schnörkel sind nicht zu find­en. Die LeserIn­nen tauchen ein in eine Welt, die sie mit Alltäglichem und zugle­ich Beson­derem kon­fron­tiert, intu­itiv nachvol­lziehbar.      In Mirakel wird eine ein­fache Begeg­nung zu einem Wun­der: „Irgend­wann / wer­den wir uns begeg­nen / und anblick­en / wie zwei Kinder / die sich gegenüber ste­hen / wie einem Wun­der.“ Die in den Gedicht­en beschriebe­nen Gefüh­le lassen sich leicht auf selb­st erlebte Sit­u­a­tio­nen über­tra­gen. So zum Beispiel in Ich wun­dere mich, einem Gedicht, in dem das lyrische Ich sich fragt, warum alle Men­schen es anlächeln, „dann aber fällt mir auf / dass nicht sie es sind, die lächeln / ich bins, die lächelt / sie antworten nur.“ Can erhebt hier eine alltägliche Sit­u­a­tion, in der wohl jed­er schon ein­mal war, zu etwas Bedicht­enswertem.

Aber nicht alle ihre Gedichte hin­ter­lassen pos­i­tive Gefüh­le. Das mit ger­ade ein­mal zwei Versen kürzeste Gedicht des Ban­des, Solin­gen, 1993, bezieht sich auf einen recht­sex­trem­istis­chen Bran­dan­schlag, bei dem fünf Men­schen ums Leben kamen. Lediglich die Worte „Wann immer ich Solin­gen höre / bren­nt ein Haus vor meinen Augen“ beschreiben durch Assozi­a­tio­nen ein­drucksvoll die dies­bezüglichen Gefüh­le. Neg­a­tive Gefüh­le beschreibt Can aber auch ganz direkt. In Zeter­mor­dio führt sie über 33 Verse aus, wie ein Mann sich vor Elend die Seele aus dem Leib schre­it und doch von nie­man­dem gehört wird. Das Gedicht ist gefüllt mit Verzwei­flung und Ohn­macht. Can klagt die Gesellschaft an: uns alle und eben­so sich selb­st.

Der Gedicht­band regt zum Nach­denken an. Obwohl Can sich konkreter Sprache bedi­ent, ist die Deu­tung viel­er Bestandteile ihrer Gedichte den­noch unklar. In ihrem Langgedicht eröffnet sie die Kat­e­gorien „hier“ und „drüben“, ohne diese weit­er zu bes­tim­men. Wo ist hier? Wo drüben? Wo wird die Gren­ze gezo­gen? Den LeserIn­nen wird Inter­pre­ta­tion­sspiel­raum gelassen und doch gewin­nt man den Ein­druck, dass Can diese Kat­e­gorien für sich klar bes­timmt hat. Es ist wie so oft in der Lyrik, nicht immer ist alles leicht ver­ständlich.  Schön ist die Mis­chung aus pos­i­tiv­en und neg­a­tiv­en Gefühlen, die von den ver­schiede­nen Gedicht­en des Bands her­vorgerufen wer­den. Auch die The­men­var­i­anz lässt zwis­chen ern­ster Gesellschaft­skri­tik und mal leichter, mal melan­cholis­ch­er Liebeslyrik keine Wün­sche offen. Ein run­dum gelun­ge­nes Werk.

Ein Beitrag aus der Redak­tion Gegen­wart­skul­turen der Uni­ver­sität Duis­burg-Essen

Lyrikbest­seller:
Kinder der ver­lore­nen Gesellschaft
Gedichte

96 S., geb., Schutzum­schlag, 12 x 20

Wall­stein Ver­lag, Göt­tin­gen, 2017

ISBN: 978−3−8353−3048−1