21 Mai

Interview Literatur & Tscherkessen 2015

Safiye Can wurde als Kind tscherkessis­ch­er Eltern in Offen­bach am Main geboren. Sie absolvierte das Studi­um der Philoso­phie, der Psy­cho­analyse und der Rechtswis­senschaft an der Goethe Uni­ver­sität in Frank­furt am Main. 2011 erlangte sie den Mag­is­ter Artium als Jahrgangs­beste. Seit 2013 arbeit­et sie u.a. als Kura­torin der Zwis­chen­raum-Bib­lio­thek „Heimatkunde“ der Hein­rich-Böll-Stiftung im Bere­ich Lit­er­atur, Film und Musik.                                                                                                                

Ihre Arbeits­ge­bi­ete sind Lyrik (darunter auch visuelle und konkrete Poe­sie sowie Langgedichte), Prosa, lit­er­arische Über­set­zun­gen und Col­la­gen. Ihr Debüt „Rose und Nachti­gall“, Liebesgedichte, wurde in kurz­er Zeit zum Best­seller und befind­et sich derzeit in drit­ter Großau­flage.

inal Tam­szuqo: Sehr geehrte Safiye Can, vie­len Dank für dieses Inter­view. In der Ein­leitung habe ich Sie zwar schon kurz vorgestellt, aber mögen Sie unseren Lesern trotz­dem noch kurz etwas über sich erzählen?

Safiye Can: Ich danke für das Inter­esse. Über sich selb­st zu sprechen ist eine schwierige Angele­gen­heit. Ich füh­le mich der Lyrik ver­bun­den und ver­suche auch son­st in meinem Leben neben poet­is­chen auch poli­tis­che Akzente zu set­zen.

Jinal Tam­szuqo: Was hat Sie dazu gebracht, sich mit Lyrik und Prosa zu beschäfti­gen und was sind Ihre The­men?

Safiye Can: Das Inter­esse an kreativ­er Arbeit zeigte sich bei mir im Kinde­salter. Lyrik und die Empfänglichkeit für Poe­sie ist etwas, das mir innewohnt. Ich war immer kreativ, doch braucht es für den Schreibprozess immer einen Aus­lös­er. Dieser kam bei mir lei­der nicht durch die Schule, im Gegen­teil, der Deutschunter­richt ent­fer­nte mich von der Lit­er­atur. Der Aus­lös­er für das Ver­fassen eigen­er Gedichte war ein Gedicht­band, dass ich als Jugendliche zum Geburt­stag erhielt. Damit begann alles. Von der Lyrik kam ich zur Prosa, wobei ich meine Prosa auch lyrisch und rhyth­misch schreibe.

Meine The­men sind unter­schiedlich. Die Texte unter­liegen aber nicht sel­ten einem philosophis­chen Grundges­tus. Wenn man ein­gren­zen müsste, würde ich die Top 3 so nen­nen:

Liebesgedichte
Heimat und Iden­tität

Gesellschaft­skri­tis­che und poli­tis­che Gedichte

Jinal Tam­szuqo: Und wie kamen Sie zur visuellen Arbeit?

Safiye Can: Die visuelle und konkrete Poe­sie kam eher zu mir. Zum Einen habe ich von Kindes­beinen an geze­ich­net und gemalt, das liegt gewiss in enger Verbindung mit mein­er visuellen Poe­sie.

 

Der Baum

Zum anderen, zeigen sich mir in bes­timmten Momenten wie in ein­er Vision Bilder, Wörter und Wortkon­stel­la­tio­nen, die es dann in fein­ster, akribis­ch­er Arbeit umzuset­zen gilt. Die visuelle, aber vor allem die konkrete Poe­sie ist eine ganz bes­timmte Art des Betra­cht­ens der Dinge, vor allem der Wörter und Wortkon­stel­la­tio­nen, die sich einem im All­t­ag zeigen, die man aber anders wahrn­immt, als sie bspw. jemand wahrn­immt, der nur eine Anzeigetafel abli­est.

Die konkrete Poe­sie ist etwas, das ich nicht able­gen kann, sie ist fortwährend da und wird immer ein Teil von mir bleiben.

But­ter­fly / Der Schmetter­ling

Jinal Tam­szuqo: Sie beze­ich­nen sich auf Ihrer Inter­net­seite als Kind von tscherkessis­chen Eltern. War das immer so? Wur­den Sie schon immer als Tscherkessin wahrgenom­men oder sah Ihr deutsches Umfeld Sie eher als Türkin?

Safiye Can: Ich beze­ichne mich so, weil ich eine Tscherkessin bin. So sind die Fak­ten.

Einem großen Teil mein­er Leser ist meine Herkun­ft unwichtig, so wie mir ihre Herkun­ft unwichtig ist. Wer meinen Lyrik­band gele­sen hat, ken­nt meine Wurzeln auf­grund der Vita. In der ersten Auflage ste­ht es sog­ar hin­ten auf dem Buch­cov­er. Den­noch glaubt die Mehrheit meines Umfelds, dass ich türkisch­er Herkun­ft sei. Mein Name und der Umstand, dass ich türkische Lit­er­atur ins Deutsche über­set­ze und sie einem großen Pub­likum vorstelle, macht es nicht ein­fach­er. Die Presse schreibt meine Herkun­ft kon­tinuier­lich falsch. Die deutschsprachige Presse stellt mich gerne als Deutsch-Türkin vor, die türkische Presse mit Nach­druck als eine in deutsch­er Sprache schreibende Türkin.

Alle Völk­er, die Gefahr laufen, ihre Sprache und Iden­tität zu ver­lieren, sind verpflichtet ihre Herkun­ft zu erwäh­nen. Wenn ich zu ein­er Mehrheits­ge­sellschaft gehören würde, wäre mir die konkrete Erwäh­nung mein­er Abstam­mung nicht wichtig, viele Men­schen in Deutsch­land wis­sen aber nicht ein­mal, dass es ein Volk der Tscherkessen gibt. Umso mehr ärg­ert mich das Unver­ständ­nis der Men­schen gegenüber Min­der­heit­en, die ihre Iden­tität nicht ver­leug­nen. Es gibt bish­er keine einzige Zeitung, die meine eth­nis­che Zuge­hörigkeit richtig benan­nt hat. Man macht es sich in der Tat zu bequem.

Jinal Tam­szuqo: Wie sehen Ihre weit­eren Pro­jek­te aus?

Safiye Can: 16. Juli 2015 erscheint mein zweit­er Lyrik­band „Diese Hal­testelle hab ich mir gemacht“ im Frank­furter Größen­wahn Ver­lag. Eben­so erscheint in diesem Jahr mein erster Über­set­zungs­band „Im Herzen ein Kind in der Tasche ein Revolver“, den ich im elifver­lag her­aus­gebe. Ich freue mich schon sehr auf bei­de Pub­lika­tio­nen.

Jinal Tam­szuqo: In Ihrem Studi­um haben Sie sich auch mit Psy­cho­analyse beschäftigt. Das The­ma der Iden­tität spielt in der psy­cho­an­a­lytis­chen The­o­rie eine wichtige Rolle und die Ethnopsy­cho­analyse beschäftigt sich mit der eth­nis­chen Iden­tität. Mir per­sön­lich kommt es so vor, als würde die tscherkessis­che Iden­tität derzeit eine Art Mis­chi­den­tität sein, mit orig­inär tscherkessis­chen, aber auch türkischen, ara­bis­chen, rus­sis­chen und islamis­chen Ele­menten. Wie wür­den Sie die tscherkessis­che Iden­tität definieren? Gibt es Ihrer Mei­n­ung nach beson­dere Merk­male der­sel­ben?

Safiye Can: In der tscherkessis­chen Erziehung spielt Höflichkeit, die Achtung vor dem Alter und älteren Men­schen eine tra­gende Rolle. Die Jun­gen wer­den dazu erzo­gen, Mäd­chen und Frauen mit Respekt gegenüber zu treten und sich über­haupt wie man im Deutschen sagt, wie ein Ehren­mann zu ver­hal­ten. Wenn man sich den tscherkessis­chen Tanz anschaut, erzählt dieser bere­its eine Geschichte über eine typ­isch tscherkessis­che Hal­tung. Die Tscherkessen sind ein sehr altes Volk. Wenn früher eine Frau den Raum betrat, wur­den Stre­it­ereien been­det. Da die Frau respek­tiert wurde, hat­te sie, wie auch der soge­nan­nte Ältesten­rat, eine stre­itschlich­t­ende Funk­tion.

Heute ist der 151. Jahrestag des Genozids an den Tscherkessen. 1,5 Mil­lio­nen Tscherkessen wur­den ermordet. Dass sich die Ele­mente unser­er Leben­sorte in unsere Leben­szyklen mis­chen, ist unver­mei­dlich. Allein 1864 wur­den rund 500.000 Tscherkessen ins osman­is­che Reich zwangs­de­portiert. In der Tat haben z.B., die in der Türkei leben­den Tscherkessen viele türkische Ele­mente über­nom­men. Und den­noch gibt es immer Ver­hal­tens­muster und Tra­di­tio­nen der sozusagen indi­ge­nen Bevölkerung, die mit der tscherkessis­chen Lebensweise unvere­in­bar bleiben wer­den.

Jinal Tam­szuqo: Zum heuti­gen Gedenk­tag an den tscherkessis­chen Völk­er­mord und die Vertrei­bung, heutzu­tage spricht man von eth­nis­ch­er Säu­berung, durch das Zaris­tis­che Rus­s­land, find­et dieses Jahr zum ersten Mal eine sym­bol­trächtige Reise von Dias­po­ra Tscherkessen zurück in die Urheimat statt. Die Reise wird mit Bussen durchge­führt und startet von Istan­bul aus. Was denken Sie über diese Aktion?

Safiye Can: Ich wurde auch gefragt mitz­u­fahren und habe über­legt aus Istan­bul oder Sam­sun – also von der Schwarzmeerküste der Türkei aus, wo übri­gens meine Fam­i­lie größ­ten­teils lebt – teilzunehmen, es kamen ter­min­liche Verpflich­tun­gen dazwis­chen. Die Organ­i­sa­tion, jed­er einzelne  Teil­nehmer, sowie die Bus­fahrt-Aktion selb­st ver­di­ent den höch­sten Respekt.

Tscherkessien umfasste ursprünglich große Gebi­ete der Schwarzmeerküste bis das zaris­tis­che Rus­s­land das Land annek­tierte.

Es ist wichtig ein Zeichen zu set­zen, auch der Welt­ge­mein­schaft zu zeigen, was dem tscherkessis­chen Volk wider­fahren ist. In Deutsch­land wis­sen eine Menge Men­schen nicht ein­mal etwas mit dem Begriff „Tscherkesse“ anz­u­fan­gen, geschweige denn mit dem Völk­er­mord an den Tscherkessen. Vielle­icht ist es auch nicht allzu ver­w­er­flich, da sich viele Nach­fol­ger der in die heutige Türkei zwang­sum­ge­siedel­ten Tscherkessen als Türken beze­ich­nen.

Die tscherkessis­che Geschichte wird kaum beachtet; auch gibt es keinen Staat der Putin dazu auf­fordert, den Genozid einzugeste­hen. Es kann kein diplo­ma­tis­ch­er Druck auf Rus­s­land aus­geübt wer­den, weil es sich kein­er mit ein­er regionalen Groß­macht verder­ben will. Wir ste­hen so gese­hen alleine da, ver­streut in ver­schiedene Him­mel­srich­tun­gen. Das Allein­sein kann kom­pen­siert wer­den, indem man sich zusam­men­tut. Über­haupt soll­ten sich, wo und wann immer ein Unrecht stat­tfind­et, alle Völk­er und Men­schen zusam­men­tun. Wir alle, die Vertrei­bung, Völk­er­mord, Assim­i­la­tions­druck erfuhren und heute noch erfahren, erlei­den, insofern wir nicht gän­zlich dem Iden­titätsver­lust unter­liegen, den gle­ichen his­torischen Schmerz.

Es ist wichtig, dass der Genozid von den Russen anerkan­nt wird. Wir wollen eine Entschuldigung für das, was unseren Vor­fahren und damit auch uns ange­tan wurde. Der Umstand, dass ich meine Gedichte nicht in mein­er Mut­ter­sprache schreiben oder aus mein­er Mut­ter­sprache ins Deutsche über­set­zen kann, ist auf den tscherkessis­chen Genozid zurück­zuführen. Der Umstand, dass ich einen türkischen Namen trage, ist auf eine weit­ge­hende Assim­i­lierung zurück­zuführen. Ich urteile nicht nach der Reli­gion oder der Herkun­ft eines Men­schen, wir sind alle gle­ich. Dass ich den­noch auf mein­er Web­site meine Herkun­ft erwäh­nen muss, ist auf den Genozid zurück­zuführen. In dem „ist Kind tscherkessis­ch­er Eltern“ liegt so gese­hen auch eine Wunde ver­bor­gen. Eine Wunde, die alle Völk­er, die vom Völk­er­mord betrof­fen sind, allzu gut ken­nen.

Jinal Tam­szuqo: Ich bedanke mich her­zlich für dieses Inter­view und hoffe, Sie bei ein­er unser­er näch­sten Ver­anstal­tun­gen ein­laden zu dür­fen.

Safiye Can: Ich habe zu Danken. Ich komme natür­lich, wenn es Halüj (Halüj ist ein tscherkessis­ches Teigge­bäck, gefüllt mit tscherkessis­chem Käse.) gibt.

Werke der Autorin Safiye Can:

Werke:

Rose und Nachti­gall“, Liebesgedichte, Best­seller in 3. Großau­flage, Größen­wahn Ver­lag, Frank­furt am Main, 2014

Das Halb­halbe und das Ganz­ganze“, Kurzgeschichte, Ver­lag Lit­er­atur Quick­ie, Ham­burg, 2014

Diese Hal­testelle hab ich mir gemacht“, Gedichte, Größen­wahn Ver­lag, Frank­furt am Main, 2015 (Erschei­n­ung­ster­min: 16. Juni 2015)

Her­aus­ge­ber­schaft und Über­set­zung:

Im Herzen ein Kind in der Tasche ein Revolver“, Ataol Behramoğlu, aus­gewählte Gedichte, zweis­prachig, elifver­lag, Net­te­tal, 2015 (Erschei­n­ung­ster­min: Herb­st)

Inter­net­präsenz:  www.safiyecan.de