6 Nov

Frankfurter Rundschau, Konkrete P. 2018

6.11.2018
Frankfurter Rundschau, Besprechung von Uta Grossmann
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Operationen am Leib der Sprache

Das Wort beim Wort nehmen: Zwei Bände der Lit­er­aturzeitschrift „die horen“ ver­sam­meln zeit­genös­sis­che Spielarten konkreter Poe­sie.

Safiye Can
Safiye Can: Eugen Gom­ringers „avenidas“. Foto: Safiye Can

Ulla Hahn, Jan Wag­n­er, Fran­zo­bel und Safiye Can gehören zu den Autorin­nen und Autoren, die in zwei Bän­den mit konkreter Poe­sie vertreten sind, jüngst erschienen als Num­mern 271 und 272 der Lit­er­aturzeitschrift „die horen“.

Konkrete Poe­sie, das ist doch jene Bewe­gung, die sich Mitte des 20. Jahrhun­derts als Avant­garde ver­stand und, wie alle Avant­gar­den, mit jeglich­er Tra­di­tion brechen und die Lyrik völ­lig neu erfind­en wollte? Statt Schwel­gerei in Meta­phern Reduk­tion auf objek­tive Struk­turen. Tech­nis­ches Exper­i­ment statt sub­jek­tiv­er Imag­i­na­tion. Metrum, Vers, Stro­phe, über­haupt alle Kon­ven­tio­nen der Lyrik soll­ten über Bord gewor­fen und die Sprache als Mate­r­i­al hergenom­men und in völ­lig neue Zusam­men­hänge gestellt wer­den.

Kein Zufall, dass das wenige Jahre nach dem Zweit­en Weltkrieg geschah. Adornos Dik­tum „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist bar­barisch“, so umstrit­ten es war, brachte die Notwendigkeit eines radikalen Neuan­fangs auf den Punkt, die viele Schrift­steller emp­fan­den und die sie nach neuen For­men des Schreibens suchen ließ.

Eugen Gom­ringer gilt zumal wegen seines 1954 ver­fassten Man­i­fests „vom vers zur kon­stel­la­tion“ als Begrün­der der konkreten Poe­sie; auf ihn bezieht sich auch Nor­bert Hum­melt in einem Essay im ersten „horen“-Band. Eine gute Idee übri­gens, solche Essays einzus­treuen. Dank deren Reflek­tion und Erläuterung fällt es leichter, die aktuellen Beiträge einzuord­nen und die Entste­hung und kon­tro­verse Diskus­sion der inzwis­chen selb­st Tra­di­tion gewor­de­nen konkreten Poe­sie nachzu­vol­lziehen. Noch dazu gewähren einige Ein­blicke in die Entwick­lung in anderen Län­dern, etwa Chile oder Island.

Die Autorin­nen und Autoren sind von der „horen“-Redaktion ein­ge­laden wor­den, sich an den The­men-Bän­den mit konkreter Poe­sie und anderen Spielfor­men der Lyrik zu beteili­gen. Alle Beiträge, erfährt man in der Ein­leitung, haben zum ersten Mal einen Platz zwis­chen zwei Buchdeck­eln gefun­den.

Und siehe da: Die konkrete Poe­sie lebt! Zwar ohne die Attitüde von Tra­di­tions­bruch und Avant­garde, die ist längst Lit­er­aturgeschichte. Doch die Meth­ode, die Sprache beim Wort zu nehmen und mit ihr zu spie­len, funk­tion­iert nach wie vor. Es macht Spaß und ver­set­zt in Erstaunen, beim Blät­tern zu ent­deck­en, wie unter­schiedlich die poet­is­chen For­men sein kön­nen, wie groß die Vielfalt der Ideen und Laborver­suche, wie weit das Feld vom (grafis­chen) Sprach-Bild bis hin zu Textvari­a­tio­nen, die neuen medi­alen Pub­lika­tions­for­men kün­st­lerisches Poten­tial abzugewin­nen suchen.

Sätze, Wörter und Buch­staben wer­den ganz im klas­sis­chen Sinne konkreter Poe­sie als Mate­r­i­al ver­standen und seziert, die Dichter operieren am Sprach­leib, nicht jedes Exper­i­ment gelingt, doch manche Oper­a­teure drin­gen vor bis hin zum offe­nen Herzen der Poe­sie.

Ana­tol Knoteks Ein­gangs­beitrag „sie liebt mich (nicht)“ ermöglicht einen spie­lend leicht­en Zutritt in diese Schatzkam­mer zeit­genös­sis­ch­er Poe­sie. Knotek hat die Blüte mit ihren Blüten­blät­tern aus dem Wech­sel der Sätze „sie liebt mich, sie liebt mich nicht“ kre­is­för­mig als Buch­staben­bild geschrieben (gemalt?). Im echt­en Leben wer­den die Blüten­blät­ter aus­gezupft, in der visuellen Poe­sie bleiben sie ein unendlich­es Ver­sprechen.

Bar­bara Köh­ler nimmt ihre Pro­fes­sion wörtlich und „stellt Schrift“. Mit Fotos und Tex­ten umkreist sie in ihrem Beitrag „Schrift­stellen. Eine Unter­rich­tung“ buch­stäblich die Frage, wie Dich­tung eigentlich hergestellt wird. Über­raschende Ein­sicht­en inklu­sive.

Die groteske Debat­te um den ver­meintlichen Sex­is­mus in Eugen Gom­ringers „avenidas“-Gedicht find­et vielfälti­gen Nieder­schlag. Sehr hüb­sch: Safiye Cans „Emo­jigedichte“, in denen sie „avenidas“ in What­sapp-Bild­chen über­set­zt und poli­tisch kor­rekt vari­iert.

Humor ist möglich, poli­tis­ch­er Kom­men­tar ist möglich, klin­gen­der Quatsch und sog­ar Reim und Schön­heit find­en Platz in der aktuellen konkreten Poe­sie.

Die zufäl­lig gewählten Beispiele sollen lediglich Lust machen, sich selb­st in die „horen“-Bände zu ver­tiefen, mitzus­pie­len, sich zu erfreuen oder auch vor den Kopf stoßen zu lassen, kurz, auf Ent­deck­ungsreise zu gehen in eine äußerst gegen­wär­tige poet­is­che Welt.

die horen. Zeitschrift für Lit­er­atur, Kun­st und Kri­tik, Nr. 271/272: Das Wort beim Wort nehmen. Konkrete und andere Spielfor­men der Poe­sie, zusam­mengestellt von Safiye Can und Jür­gen Krätzer, Wall­stein Ver­lag, Göt­tin­gen 2018, je 14 Euro.