4 Dez

Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik — Buchempfehlung des Monats

gesellschaft_fuer_zeitgenoessische_lyrik buchempfehlung des monats lyrikband 2014Dezember 2014
Buchempfehlung des Monats von der “Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.”
Dezember 2014

Safiye Can: “Rose & Nachtigall”
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Wie viel anderes soll eine Dichterin noch sein / wenn sie Dichterin ist? / Wo sie doch schon alles ist beim Dichten / der Kompass, die Peilscheibe/ der Griff, die Klinge / das Wogende, die Zielscheibe.”
Safiye Can, in Offenbach geboren, legte mit “Rose und Nachtigall” 2014 ihren ersten Gedichtband vor, der bereits in zweiter Auflage erschien. Drei wesentliche Themen zeichnen sich darin ab: Liebe, Kunst und heutiges Großstadtleben. Was erstere betrifft, so dominiert dieses zeitlose Motiv den Band, wird gezeichnet in all seinen Schattierungen in der Skala zwischen höchstem Glücksempfinden und bitterstem Schmerz, wobei letzterer mit dem Erleben des Verlustes gekoppelt ist. Dabei schlagen die Texte inhaltlich eine Brücke zur Türkei, dem Land, in das Cans tscherkessische Vorfahren gelangten. Das heutige Instanbul erscheint vorrangig als Schauplatz jener Liebesgeschichte, die der Autorin widerfuhr und die sie nun zu verarbeiten sucht. Dabei verbinden sich ihre Gedichte teilweise mit Traditionsbezügen, führen zurück in die türkische und osmanische Literatur, greifen auf das dort bereits vorhandene Motiv von “Rose und Nachtigall” zurück. Im Kontrast zu diesem “hohen” Motiv und weiteren Sujets, die symbolisch vorgeprägt erscheinen, werden auch gewöhnliche Dinge des Alltags in poetischer “Aufgeladenheit” wiedergegeben. Dabei entdeckt Can neben der ernsten auch die komische Seite ihres Liebeskummers bzw. stellt sich diesem mit Selbstironie.
Erfolgt immer wieder das Bekenntnis des “Ichs” zur Kunst, insbesondere der Poesie, so sucht Safiye Can ihren eigenen Standort als Poetin zu bestimmen. Die eingangs zitierten Worte zeigen, wie sehr sie sich als Dichterin empfindet. Als eine solche nimmt sie auch ihre Umgebung — etwa die der Großstadt Frankfurt — wahr in deren unruhigem Sound, dem Stakkato des “Jetzt”, das sich in Streiflichtern und Impressionen kundgibt. Dabei werden Multikulturalität, Künstlertum, für das einzelne Personen repräsentativ stehen, Universitäts-Milieu, doch auch jene Seite der Großstadt, wo Banken und Banker multipräsent sind, eingefangen. Der impressionistische Grundgestus der Gedichte setzt sich um in rhythmisch-melodischen Sequenzen, wo eben Motive in Abwandlung oder syntaktischer Umkehr wiederkehren und das für die Poesie Cans so charakteristische Kontrastgefüge von Konkretem und Abstraktem entstehen lassen. Typisch für die Aussageweise der Autorin sind auch Sentenzen, die das Spannungsverhältnis zwischen “Ich” und Welt zu verallgemeinern suchen, wie: “Es ist leichter hundert andere/ Leben zu retten, als das eine / eigene” — wobei gerade diese Aussage allerdings zu hinterfragen wäre
Marianne Beese
Safiye Can
Kontakt
Tarotkarten aus dem Fenster geworfen
Verstaubtes ins Gedächtnis gehievt
dein Geruch, der Wind von Herbsttagen
deine Wärme, eine Seeanemone.
Engelsgeister flüstern von dir, stieben auf
wenn ich vor ihnen erschrecke.
Inmitten des Gedichtes sitze ich
den Kopf zwischen beiden Händen
dein letztes Wort
kann mich nicht erinnern.
Safiye Can: “Rose und Nachtigall. Liebesgedichte”, Größenwahn Verlag Frankfurt am Main, 2014,
ISBN 978−3−942223−64−5, eISBN 978−3−942223−65−2