5 Mai

Rezension G E D R U C K T E S 2017

5.5.2017

Buchrezen­sion: “Kinder der ver­lore­nen Gesellschaft”, Wall­stein Ver­lag, 2017
G E D R U C K T E S

(Petra)

Im Region­alzug hin­ter Hanau. Lose dahinge­wor­fene Orte, Wald durch­tupft von Grün, son­ntägliche Bewe­gungslosigkeit und nur ein paar Arbeit­er an den Gleisen, die die Szener­ie beleben. Sub­ur­baner Raum. Viel Raum. Ein einzelnes Haus am Waldesrand, Ein-Fam­i­lien-Haus-Idylle. Ich füh­le mich wie in einem exo­tis­chen Land, so fremd ist mir all das. Bes­timmt wäre ich zufrieden­er, hätte ich mich so im Leben ein­gerichtet. Mein Blick fällt auf meinen Schoss, in dem ein heller schmaler Band liegt: „Safiye Can: Kinder der ver­lore­nen Gesellschaft“. Was soll ich über Gedichte sagen? Entwed­er brin­gen sie etwas in Dir zum Klin­gen – oder Du arbeitest nur Wörter ab. Mein Zugang zu einem Text kann nie bloß ratio­nal sein, nicht nur bei Liebesgedicht­en oder Roman­helden, in denen ich einen Teil von mir wiederfinde. Ich habe Safiye vor ein paar Jahren auf ein­er Ver­anstal­tung getrof­fen und bin seit­dem auf Face­book mit ihr befre­un­det. Daher weiß ich, dass sie über­aus engagiert ist, liest, vorträgt, aus dem Türkischen über­set­zt, Posi­tion bezieht. Und obwohl ich ihre damals vorge­le­se­nen Gedichte sehr mochte, hat­te ich bis­lang noch kein Buch von ihr. Ein sehr liebes Geschenk ändert dies jet­zt.
Die Werke der jun­gen Offen­bacherin mit tscherkessis­chen Wurzeln „fra­gen nach dem Platz des einzel­nen in der Welt, nach Heimat, nach Zuge­hörigkeit“, lese ich im Klap­pen­text. Ihre Lyrik ist kri­tisch, sehn­suchtsvoll, gerne so (selbst-)ironisch, wie es manch­mal nötig ist, um sou­verän durch den Tag zu kom­men, laut­ma­lerisch und wortk­lug. Das titel­gebende – und läng­ste – Gedicht for­muliert ein ganzes Panora­ma ihrer, unser­er Welt, intim und uni­versell, wie ein Monolog, für den sie tief Luft geholt hat, um endlich alles loszuw­er­den, worauf es vielle­icht nicht die eine Antwort gibt. Und es geht um die Liebe, natür­lich. Was sie schreibt, kommt mir oft ver­traut vor. Obwohl ich mir ihr Leben und Erleben einiger­maßen anders als das meine vorstelle. Aber vielle­icht ist das egal, wenn man schreibt und einige Sehn­süchte teilt – und sie schreibt bril­lant (das bestäti­gen auch mehrere Lit­er­atur­preise, die sie bere­its erhal­ten hat). Noch dazu ist das Buch sehr schön geset­zt und illus­tri­ert. Ich borge mir einen Fluch von ihr aus: „Möge dich irgend­wann ein Vers von mir/schwer treffen./ Und mögest Du/durch keinen frem­den Satz mehr/davon gene­sen.“ und schaue noch ein wenig hin­aus in die Welt, bis ich ankomme.

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