1 Dez

Artikel Hohe Landesschule 2015

Safiye Can – Botschafterin zwischen den Welten

von Dr. Thomas Liesemann
Safiye Can ist keine Unbekannte an der Hohen Landesschule.
Einem beachtenswerten Debüt 2011, bei dem die Autorin ihrer Zuhörerschaft auf überzeugende Art vorführte, dass sich Gedichte nicht reimen müssen, folgten Schreibwerkstätten, deren Erzeugnisse noch heute als Anschauungsmaterial für die Leistungen besonders Begabter präsentiert werden. Und dennoch ist es immer das Gleiche, wenn man eine Lesung von Lyrik ankündigt. Die Schülerinnen, von denen man sich erinnert, dass sie in der Klasse 9 mit Begeisterung Beispiele eigener Produkte abgegeben haben,  schauen unter sich. Ein paar junge Männer melden sich, einer oder zwei: Meinen sie vielleicht Rap-Texte? Sprechen zu einem Beat, Sprechen mit einer besonderen Betonung. Auf alle Fälle Sprechen und nicht stilles Lesen. Ja, hier hätte man einen Anknüpfungspunkt.
Lyrik soll nicht fremd vorkommen, sagt Safiye Can, und doch ist dies oft die erste Reaktion von Schülerinnen und Schülern, wenn sie nach ihren Erfahrungen im Lesen von Gedichten gefragt werden. Lesen sie vielleicht zu viel und sprechen sie zu wenig? Voreingenommenheit spielt wohl eine Rolle, aber auch persönliche Erlebnisse im Unterricht.
Sprache ist ein Allgemeingut. Sprache ist das, was uns einander verstehen lässt (aber: Verstehen wir uns denn wirklich immer so gut, wie es die Rede von der „klaren Sprache“ suggeriert?) und als solche sollte uns Sprache keine Hindernisse in den Weg stellen. Warum also Lyrik? Ist sie nicht oft genug genau dies: ein Hindernis, das der Lehrplan einem in den Weg stellt? Schlimmer noch: das man durch mühsame Erklärung aus dem Weg räumen soll. So will es die Lehrkraft – oder?
2015 01 27 Safiye Can
Lyrik ist eine Art des Sprechens/Schreibens, bei dem die Sprache den Blick auf sich selbst lenkt. Es heißt, dabei entdecke der Leser, was Worte bedeuten können, über das gewöhnliche Sprechen hinaus. Zu fragen ist doch zunächst: Gibt es das überhaupt – ein gewöhnliches Verstehen? Ist nicht alles Verstehen, was  sich jenseits von Vorgeschriebenheit und dem zu Erwartenden automatisierter Kommunikationssituationen abspielt, bereits außergewöhnlich? Extravagant.  
Richtig, Lyrik ist extravagant („Vom Üblichen in [geschmacklich] außergewöhnlicher, ausgefallener oder in übertriebener, überspannter Weise bewusst abweichend und dadurch auffallend“ – so sagt der Duden). Sie bewegt sich in und außerhalb einer Zirkularität des Verstehens, das bereits zur Gewohnheit geworden ist. Hat man sich erst einmal darauf eingelassen, bemerkt man: Es geht gar nicht mehr bloß um das Verstehen des fremden Textes. Nein, es geht mindestens so sehr um das Verstehen von sich selbst. Mein Verstehen. Wie nah ist mir die Sprache denn? Ist es meine Sprache oder habe ich sie nur geborgt, um etwas damit zu tun, was ich lieber auf andere Art und Weise erledigt hätte?
Lyrik soll nicht fremd vorkommen. Tut sie das dennoch, so ist am Ende die Fremdheit, der man begegnet, ein Hinweis dahingehend, dass man sich selbst immer wieder fremd wird. Nicht alles, was uns bekannt vorkommt, ist uns tatsächlich nah. Und vieles, was uns fremd erscheint, stellt sich, haben wir diesem unsere ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt, als ein lebendiger Teil von uns selbst heraus; ein Teil, von dem wir nur übersehen hatten, dass er da ist.
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