21 Aug

Besprechung Lyrikwelt “Haltestelle” 2015

Offenbacher Dichterin Safiye Can_Diese Haltestelle hab ich mir gemacht_Gedichte (2) Diese Hal­testelle hab ich mir gemacht
Gedichte von Safiye Can (2015, Größen­wahn Ver­lag).
Besprechung von Michael Star­cke für (Direk­tlink:) LYRIK­welt, August 2015:

Manch­mal weine ich, ein­fach nur so
Nach dem Sen­sa­tion­ser­folg ihres ersten Lyrik­ban­des „Rose & Nachti­gall, mit dem sie „all das Inter­esse der deutschen Lit­er­aturszene auf sich zog“, set­zt Safiye Can, die als Kind tscherkessis­ch­er Eltern in Offen­bach am Main geboren wurde, mit der Her­aus­gabe ihres neuen Gedicht­ban­des „Diese Hal­testelle hab ich mir gemacht“, behut­sam ihren eigen­willi­gen und unver­gle­ich­baren Weg als hoch sen­si­ble und unglaublich sprach­be­gabte Dich­terin fort.

Noch immer füh­le ich mich, während ich diese Besprechung schreibe, von ihren Tex­ten verza­ubert, die so ver­wun­schen wie die Märchen aus Tausendun­dein­er Nacht daher kom­men, obwohl sie die Dinge in real­er Sprache punk­t­ge­nau benen­nen. Vielle­icht liegt es an den bestechen­den Bildern, die weit zurück in per­sis­chen und türkischen Tra­di­tio­nen wurzeln, welche die Dich­terin mit den Bildern und Meta­phern heuti­gen Lebens und Wirkens in einen faszinieren­den Kon­text zu brin­gen ver­ste­ht.

Wann immer ich an ein­er Blume rieche, in mir das Bedürfnis/ mich zu entschuldigen“.

Wie schon im ersten Gedicht­band gibt sie ihren The­men orig­inellen Aus­druck und unwieder­bringliche Gestalt wie Liebe und Fre­und­schaft, Tol­er­anz und Respekt, Nach­sicht und Würde, Wirk­lichkeit und Traum. Wie mit den Werkzeu­gen eines Archäolo­gen ent­fer­nt sie vor­sichtig die Ober­fläche, um in die Tiefe zu gelan­gen, um dort Ver­bor­genes und Kost­bares, sagen wir die Seele, aufzus­püren und mit ihren Worten zu bergen, was ihr schon im ersten Kapi­tel ihres Buch­es „Auseinan­derge­hen­des und Zueinan­der­streben­des“ auf so berührende Art und Weise geglückt ist, dass man sich als Leser nicht ein­mal wun­dert, wenn einem Trä­nen über die Wan­gen laufen.

Im Geäst der Bäume verfangen/ sich Träume, im Epizentrum/ ste­hen zwei Menschen/ Eng umschlun­gen, ohne/ festes Land unter den/ Füßen, ist es zu spät/ zum Ken­nen­ler­nen oder zu früh/ Abschied zu nehmen?“

Über­haupt ist Safiye Can eine Meis­terin, die Gefühlswel­ten und die Augen­blicke, die unvergesslichen eben­so wie die bru­tal­en, die zwis­chen zwei Men­schen sind, zu beobacht­en und in die Poe­sie ihrer eige­nen, unnachahm­lichen Sprache zu über­set­zen.

Damals/ als du nach Dubai flogst/ und zuvor/ wir die Zeit anhielten/ wie die Fliege Mit ein­er Hand/ die Chaos Anrufe, weit nach Mitternacht/ und du deine Träume Hinterließest/ mir zum Analysieren.“

Oder: „Wer die meis­ten Träume hat/ wird nicht immer siegen/ ohne festes Land unter/ den Füßen senden sie/ eng umschlungen/ Wurzeln aus.“

Man kann sich fra­gen, wo ste­ht die Dich­terin in der Welt, was macht ihre „Exis­ten­zphiloso­phie“ aus?

Im titel­geben­den Kapi­tel „Diese Hal­testelle hab ich mir gemacht“ wird man als Leser schnell fündig und über­rascht wer­den, dass das neue Buch von Safiye Can nicht nur  das erhoffte Poe­siebuch, son­dern auch ein emi­nent poli­tis­ches ist. Mit der fik­tiv­en Hal­testelle hat sich die Dich­terin ein Gedicht ohne Reim geschaf­fen. Die Hal­testelle ist keine, an der ange­hal­ten wird, son­dern eine, an der man im wahren Sinn des Wortes Halt sucht mit Hil­fe von Vorstel­lungskraft und Fan­tasie. Diese Hal­testelle dient der Dich­terin dazu, sich der eige­nen Exis­tenz zu vergewis­sern und sie, die von allen Seit­en bedro­ht ist, zu ret­ten. Diese Hal­testelle ist der Gang um die Welt. Sie ist das Ret­tungs­boot und der Anker. Sie dient dem Selb­st­ge­spräch und dem Dia­log mit einem fik­tiv­en Gegenüber, das ich oder du sein kann, ein Fre­und, ein Geliebter, der, über­höht, zu Gott mutiert:

Ich war mal verliebt/ danach musste ich an Gott glauben/ so vol­lkom­men, ver­ste­hen Sie?“

Diese Hal­testelle, die im Grunde nur im Kopf und im Herz der Dich­terin existiert, und nur durch deren Nieder­schrift auch für uns staunende Leser, erzählt die Geschichte der Erde, erzählt vom Umgang der Men­schen miteinan­der im All­ge­meinen und im Speziellen, ist Abrech­nung und Vision und verkör­pert die Bit­ter­nis manch­er Wahrheit: „sie woll­ten mir Begriffe beibringen/ ich ver­stand sie nicht/ Integration/ Exklusion/ Genozid/ Assim­i­la­tion, beibringen/ sie woll­ten mir Geschichte zeigen/ ich ver­stand nicht/ also sagten sie, ich sei dumm“.

Oder: „Da sin­gen sie aus dem Minarett/ so schön, dass man/ fliegen möchte/ ken­nen Sie Vorurteile?/ Ver­ste­hen Sie gar nicht so was?“

Oder: „wir weinen doch alle/ weinen Sie nie um andere?“

Durch Geburt in die Welt gebracht kon­sta­tiert die Dich­terin: „ich wollte dieses Herz nicht/ es war nun ein­mal da, es änderte sich nicht/ ver­suchen Sie nicht Ihrs zu ändern/ Sie täten sich weh“.

Und sie find­et: „man kann sich lang­weilen auf diesem Planeten/ so groß ist das alles nicht/ und jede Liebe bipo­lar“.

Wie dem ent­ge­hen? Selb­st­mord? Frei­heit?

Diese Wolke ist meine/ mehr braucht man nicht/ ich kön­nte jet­zt auf­ste­hen und gehen/ wären Sie auch Fre­itag genug/ mitzuge­hen?“

Die Alter­na­tive?

Vielle­icht: „Wir alle sind aus ein­er Wurzel/ und dann wurde es mir zu bunt“.

Oder: „man sollte nicht böse sein/ auf jeman­den, den man liebt/ so oft liebt man nicht so tief.“

Die Halt­stelle der Dich­terin ist ein Ort für Gedanken, Illu­sio­nen, Reflex­io­nen und vielle­icht ein erlösender Ort; “Leben und Wesen“ der Dichtkun­st und Heimat der Fan­tasie: „Wo immer ich bin, da ist Heimat/ da ist die Heimat­frage, da ist Ferne/ ich ver­lor mich mal, andere ver­loren sich/ und fand mich wieder, viele blieben verschollen/ aus den Wörtern die richti­gen zu fischen/ darauf kommt es manch­mal an.“

Safiye Cans neues Buch ist nicht nur für heute wichtig und passend. Es ist Poe­sie, die einen zu einem besseren Men­schen macht, so tröstlich wie ein geschenk­tes Bett und eine wär­mende Decke. Es ist kurzum eine Tür, geöffnet für Fre­und­schaft, Liebe und Mut zum Ver­ste­hen und zur Ver­ständi­gung, ein Meis­ter­w­erk, das der Ver­lag schön aus­ges­tat­tet und mit passenden und san­ften Bildern verse­hen hat. Auch die Über­set­zun­gen der Gedichte ins Englis­che von Hakan Akc­it dür­fen und sollen nicht uner­wäh­nt bleiben, weil sie die Notwendigkeit des Buch­es aufs Fein­ste kom­plet­tieren.