6 Nov

Unna: Preis für aufrechte Literatur 2016

SAFIYE CAN alfred müller felsenburg preis für aufrechte literatur 2016_nicolaihaus unna schwerteVer­lei­hung des Alfred-Müller-Felsen­burg-Preis­es 2016
an Safiye Can

Die Dich­terin, Autorin und lit­er­arische Über­set­zerin Safiye Can wird im Rah­men ein­er feier­lichen Zer­e­monie mit dem diesjähri­gen “Alfred-Müller-Felsen­burg-Preis für aufrechte Lit­er­atur” aus­geze­ich­net.Safiye Can Alfred-Müller-Felsenburg Preis für Aufrechte Literatur

Beginn: 06.11.2016 / 11:00 Uhr
Ort:

Nico­lai­haus Unna
Nico­lais­traße 3, 59423 Unna

Ein­tritt: frei
Ver­anstal­ter: Sekre­tari­at für den Alfred-Müller-Felsen­burg-Preis und West­fälis­ches Lit­er­atur­büro

  “Es ist nicht anmaßend, Safiye Can, diese junge Tscherkessin, die in Offen­bach geboren wurde, in einem Atemzug mit großen deutschen Dich­terin­nen wie Inge­borg Bach­mann, Marie Luise Kaschnitz oder Sarah Kirsch zu nen­nen, deren Nach­folge sie schon seit langem, bish­er lei­der zu wenig wahrgenom­men, ange­treten hat.” Michael Star­cke (1949−2016), Jurymit­glied

Das Sekre­tari­at für den “Alfred-Müller-Felsen­burg-Preis für aufrechte Lit­er­atur” lädt zur diesjähri­gen “Alfred-Müller-Felsen­burg-Preisver­lei­hung” an die Lyrik­erin Safiye Can ein. Die öffentliche Preisver­lei­hung find­et im Rah­men des Pro­jek­ts lit­er­atur­land west­falen im Nico­lai­haus Unna (Sitz des West­fälis­chen Lit­er­atur­büros), Nico­lais­traße 3, 59423 Unna, statt.

Grußworte sprechen Elke Mid­den­dorf, stel­lv. Lan­drätin des Kreis­es Unna, und Michael Fal­l­en­stein, Sohn des Namensge­bers. Die Lau­da­tio hält Rudolf Damm aus Hagen. Die Preisver­lei­hung nimmt Pit Böh­le, Geschäfts­führer des West­fälis­chen Lit­er­atur­büros in Unna e.V. vor. Für den musikalis­chen Beitrag kon­nte Nor­bert Labatz­ki, kün­st­lerisch­er Leit­er von “Mazel Tov” gewon­nen wer­den.

Safiye Can wurde 1977 als Kind tscherkessis­ch­er Eltern in Offen­bach am Main geboren. Sie hat Philoso­phie, Psy­cho­analyse und Rechtswis­senschaft an der Goethe Uni­ver­sität in Frank­furt am Main studiert und ist Kura­torin der “Zwis­chen­raum-Bib­lio­thek” im Auf­trag der Hein­rich-Böll-Stiftung. Sie leit­et erfol­gre­ich Schreib­w­erk­stät­ten an Schulen und ist als Über­set­zerin von Gedicht­en aus dem Türkischen tätig, dafür erhielt sie mehrere Lit­er­atur­preise. Am 11. Novem­ber erhält sie den “Else Lasker-Schüler-Lyrikpreis 2016”. Die deutsch-türkisch-tscherkessis­che Autorin lebt in Offen­bach am Main.

Kon­takt: Sekre­tari­at für den Alfred-Müller-Felsen­burg-Preis für aufrechte Lit­er­atur, c/o Thorsten Tre­len­berg, Große Mark­t­straße 1, 58239 Schw­erte, Tel. 02304/15908.

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Sehr geehrter Herr Trel­len­berg, Herr Falken­stein, Herr Damm, Herr Böh­le
Sehr verehrte Frau Safiye Can, sehr geehrte Gäste

Her­zlich Willkom­men im Kreis Unna, Danke für die Ein­ladung. Es ist mir eine beson­dere Freude Ihnen als Preisträgerin, den Ver­ant­wortlichen und Gästen die Grüße und Glück­wün­sche des Kreis­es Unna und des Lan­drates Michael Maki­ol­la zu über­brin­gen.

So ist die heutige Ver­lei­hung des Alfred-Müller-Felsen­burg Preis­es für aufrechte Lit­er­atur in dieser Ein­rich­tung hier in Unna beson­ders gut aufge­hoben. Nicht nur weil sie im Kreis Unna liegt, son­dern weil das west­fäl. Lit­er­atur­büro als „Lob­byein­rich­tung“ für Lit­er­atur es sich zur Auf­gabe gemacht hat u.a. den Aus­tausch zwis­chen Autoren und Lesern zu fördern und Schrift­stellern und Tal­en­ten Per­spek­tiv­en zu eröff­nen.
Es hil­ft und berät Infra­struk­turein­rich­tun­gen in unsern 10 Kreisange­höri­gen Städten und Gemein­den. Bib­lio­theken, beson­ders auch Schulen, Kul­tur­büros usw. par­tizip­ieren davon. Ihre Arbeit in Form von Schreib­w­erk­stät­ten ist sicher­lich ein guter Weg jun­gen Men­schen den Umgang mit Sprache näherzubrin­gen. Wenn unsere Schüler nach wie vor im Deutschunter­richt große Män­gel aufweisen, dann muss man neue Wege suchen ihnen den Spaß an Sprache zu ver­mit­teln. Wer wäre bess­er dazu geeignet als sie, die Lyrik­erin Safiye Can.

Meine Damen und Her­ren
Durch die Unter­stützung des Net­zw­erk-und Mar­ket­ing­pro­jek­tes „Lit­er­atur­land West­falen“ wird die Koop­er­a­tion zwis­chen Lit­er­a­turein­rich­tun­gen dauer­haft gefördert und ein größer­er Radius geschaf­fen.
Wir sind heute zusam­mengekom­men, um den Alfred-Müller-Felsen­burg 2016 zu ver­lei­hen. Ein Preis für aufrechte Lit­er­atur. Damit sollen unkon­ven­tionelle und kri­tis­che Werke geehrt wer­den, bei denen Zivil­courage im Mit­telpunkt ste­ht. Lit­er­at­en, die bish­er von Kri­tik­ern wenig beachtet wer­den sollen in den Mit­telpunkt gerückt wer­den. Die Stifter und ehem. Preisträger, die als Jury fungieren, haben auch in diesem Jahr eine sehr gute Wahl getrof­fen.

Meine Damen und Her­ren,
Eine junge Frau, die von Kind an bewiesen hat, dass sie ihren Weg gehen will. Sie hat Rück­grat gezeigt und sich nicht beir­ren lassen und ist damit zu ein­er beein­druck­enden Schrift­stel­lerin­nen­per­sön­lichkeit gewor­den. Frau Safiye Can hat eine beein­druck­ende per­sön­liche Biogra­phie. Es wird sich­er noch einiges dazu gesagt wer­den. In der Hoff­nung Sie nicht zu lang­weilen, möchte ich doch kurz auf diesen außergewöhn­lichen Werde­gang einge­hen.

Meine Damen und Her­ren,
Die Frank­furter All­ge­meine Zeitung titelte: „Das sprachlose Kind als Dich­terin“. Ja, Sie hat­ten denkbar schlechte Voraus­set­zun­gen, als Sie prak­tisch ohne deutsche Sprachken­nt­nisse eingeschult wur­den. Das „sprachlose Kind“ hat es allen gezeigt. Gegen Fehlein­schätzung haben sie sich gewehrt und haben Ihren Weg weit­er­ver­fol­gt. Sie sagen sel­ber, dass Sie froh seien mit der türkischen Sprache aufgewach­sen zu sein und dass der Migra­tionsh­in­ter­grund schon eine Bedeu­tung für Sie habe, Sie aber nicht darauf reduziert wer­den möcht­en.

Frau Can
In einem Inter­view haben sie auf die Frage, wie Ihre Texte entste­hen gesagt: „Die fließen mir oft so zu, egal ob auf der Straße oder son­st wo. Vielle­icht ist das eine Erk­lärung für Ihre bewe­gen­den Gedichte und Texte. Sie kom­men direkt aus dem Leben, aus Ihrem Leben. In einem anderen Inter­view wur­den Sie gefragt, welche drei Sub­stan­tive Ihnen zu dem Wort Liebe ein­fall­en. Mich hat beson­ders beein­druckt, dass Sie nach kurzem Zögern zu den Wörtern Zunei­gung und Sehn­sucht auch das Wort Hass nan­nten. Dass Liebe und Hass im Leben lei­der oft sehr eng zusam­men liegen erfahren wir täglich.

Meine Damen und Her­ren,
Inte­gra­tion, Umgang mit frem­den Kul­turen und das Ver­ste­hen von frem­den Men­schen sollte nicht nur ein The­ma für Frau Can sein, son­dern sollte uns alle beschäfti­gen. Mit ihren Gedicht­en und Tex­ten tra­gen Sie dazu bei, dass Men­schen vielle­icht wieder mehr Empathie für die Sor­gen ander­er entwick­eln, auch wenn ihnen diese Sor­gen fremd sind. Wir brauchen Men­schen, die Augen, Ohren und Herzen öff­nen drin­gen­der denn je.
Ich danke Ihnen und grat­uliere noch ein­mal ganz her­zlich. Den Ver­anstal­tern eben­falls her­zlichen Dank und ich hoffe, sie bleiben im Kreis Unna.

Elke Mid­den­dorf, stel­lv. Lan­drätin, Kreis Unna

LAUDATIO

abschied
der tag begin­nt spät

wie manch­mal
das eigene leben
mit einem blick aufs meer.
ein schiff segelt dahin
am hor­i­zont
in einem sil­bri­gen licht
zeit­los­er wolken
so bleibt es im gedächt­nis
unvergessen,
ein fast vol­lkommenes glück
ohne ent­täuschung
und nieder­tra­cht
und doch:
die men­schen am ufer
wer­den davonge­hen
und ein­mal nicht mehr
zurück­kehren, andere men­schen
wer­den sie erset­zen,
um die welt später
zu ver­lassen wie einen traum.

der tag begin­nt spät,
wie immer, wenn es zeit wird,
die kof­fer zu pack­en
für eine andere
unbe­ab­sichtigte reise.

Mit diesem Gedicht des am 19. Feb­ru­ar diesen Jahres viel zu früh ver­stor­be­nen „Alfred-Müller-Felsen­burg-Preisträgers für Aufrechte Lit­er­atur 2013“ Michael Star­cke beginne ich meine Lau­da­tio auf die diesjährige Preisträgerin Safiye Can.

Denn Michael Star­cke war es, der als Jurymit­glied des „Alfred-Müller-Felsen­burg-Preis­es“ den Namen der Offen­bach­er Lyrik­erin als Preisträgerin 2016 ins Gespräch brachte und sich vehe­ment für sie einge­set­zt hat. Ihm ist es zu ver­danken, dass die anderen Juroren auf sie aufmerk­sam wur­den und sich beein­druckt durch die unver­wech­sel­bare Dik­tion und Wahrhaftigkeit ihrer poet­is­chen Aus­druck­skraft und die Meis­ter­schaft ihrer Sprache für Safiye Can entsch­ieden.

Als mehrfach­er Lauda­tor der „Müller-Felsen­burg-Preisträger“ der ver­gan­genen Jahre freute ich mich auf die vor mir liegende Auf­gabe, ist doch Offen­bach am Main die Stadt, in der ich entschei­dende Jahre mein­er Jugend ver­bracht und dort auch das Abitur gemacht hat­te, diese kleine  Großs­tadt im Schat­ten des über­mächti­gen Nach­barn Frank­furt am Main, die mir Heimat gewor­den war und mit der ich mich bis heute ver­bun­den füh­le. Und dann auch noch eine Offen­bacherin türkisch­er Abstam­mung – der Türkei, mit der ich mich aus fam­i­lien­his­torischen Grün­den und meinem zwei­jähri­gen Ger­man­is­tik­studi­um an der Istan­buler Uni­ver­sität und den dabei ent­stande­nen Fre­und­schaften vor fast nun 50 Jahren in kri­tis­ch­er Fre­und­schaft auseinan­der­set­ze! Und dann ist Safiye Can auch noch tscherkessis­ch­er Abstam­mung, was bedeutet, dass ihre Vor­fahren vor 150 Jahren aus ihrer anges­tammten Heimat im rus­sis­chen Zaren­re­ich in das dama­lige Osman­is­che Reich zwang­sum­ge­siedelt wur­den und ihnen damit das Schick­sal von Min­der­heit­en lei­d­voll bekan­nt ist – ich dachte dabei eher an einen lukullis­chen Genuss: das „Cerkes Tavug“ – auf Deutsch „Tscherkessis­ches Huhn“ ein aufwendi­ges Gericht u.a. mit gehack­ten Wal­nüssen, für das ich, gut gemacht, fast alles Andere ste­hen lasse!

 Aber Michael Star­cke bat mich, ihm die Lau­da­tio auf Safiye Can zu über­lassen.

 Und wenn man seine Gedanken im Vor­wort der 2. Auflage ihres Lyrik­ban­des „Rose & Nachti­gall“ gele­sen hat, wird dem Leser sofort klar, dass nur Michael Star­cke der angemessene Lauda­tor für die Dich­terin hätte sein müssen:

Liest man die Gedichte der Dich­terin laut, erken­nt man einen melodiösen und eigen­willi­gen Klang, der dem Geschriebe­nen als Vehikel dient, um Aus­sagen und Botschaften zu trans­portieren und bekräfti­gend zu unter­malen, einen Sound, ein Marken­ze­ichen, das, wie ich meine, diese Verse orig­inär und unver­wech­sel­bar macht. Eben­so gewin­nt man durch die Wahl der Meta­phern, die zwis­chen Mor­gen­land und Abend­land, zwis­chen Über­liefer­un­gen und frischen Ideen ange­siedelt sind, den Ein­druck, Gedichte wie diese noch nie gele­sen zu haben, das The­ma Liebe, alt wie die Men­schheit, in neue, uner­wartete Sprach­bilder gek­lei­det, die im Gedächt­nis haften bleiben, weil man sie wed­er vergessen möchte noch vergessen kann.

Safiye Can schreibt von der Liebe stür­misch, nach­den­klich. trau­rig, him­mel­hoch­jauchzend zu Tode betrübt, wie man sagt, vom Ver­liebt sein, von „der Metaebene“, vom Ver­lassen wer­den und Ver­mis­sen. Nach­haltig beschreibt sie das Für und Wider, die Zweifel, den Ver­such, das gegen­sät­zliche zu einem Ganzen wer­den zu lassen, Span­nungs­bö­gen.

Es ist nicht anmaßend, Safiye Can, diese junge Tscherkessin, die in Offen­bach geboren wurde, in einem Atemzug mit großen deutschen Dich­terin­nen wie Inge­borg Bach­mann, Marie Luise Kaschnitz oder Sarah Kirsch zu nen­nen, deren Nach­folge sie schon seit langem, bish­er lei­der zu wenig wahrgenom­men, ange­treten hat

Safiye Can wird zu den großen Dich­terin­nen unseres Jahrhun­derts gezählt wer­den.“

Diese sachkundi­ge und gle­ichzeit­ig so poet­is­che „Liebe­serk­lärung“ des Dichters Michael Star­cke an die Dich­terin Safiye Can beein­druck­te mich 2014 und  beein­druckt mich noch heute zutief­st.

Mir fiel als altem Offen­bach­er dabei ein, dass auch Goethes Lil­li Schöne­mann eine Offen­bacherin war …

Und jet­zt ste­he ich, der hier nicht ste­hen sollte, an  Michael Star­ck­es Stelle, weil der „Schnit­ter Tod“ wieder ein­mal alle Pla­nun­gen ad absur­dum geführt hat.

Und ich habe natür­lich meinen sub­jek­tiv­en Blick auf diese ost-west­liche Dich­terin mit dem gelun­genen Spa­gat zwis­chen Ori­ent und Okzi­dent, zwis­chen ihrem Geburt­s­land Deutsch­land und dem kul­turellen und sprach­lichen Herkun­ft­s­land ihrer Eltern, der Türkei. Ich glaube die kri­tis­che Ver­bun­den­heit zu spüren, wenn ich Gedichte lese wie das mit dem Titel Gewe­sene Tage in ihrem Gedicht­band „Rose & Nachti­gall

Gewe­sene Tage

Abends lagen wir auf der Wolke
bei Tages­licht auf fes­tem Boden

wollte ich dich nie aus­tauschen
doch bet­rogst du mich
mit Istan­bul, dieser Dirne
vorhin stieß ich an deine Wasserpfeife
blau stürzte sie und brach sich das Genick
ich fasste mir jäh ans Herz.

Wie ich die Meta­phern „Istan­bul“ und „Wasserpfeife“ inter­pretiere, brauche ich hier nicht weit­er zu erläutern!

Und in einem weit­eren Gedicht mit dem Titel Ein solch­er Regen aus dem Gedicht­band Diese Hal­testelle habe ich mir gemacht, dessen 2. Auflage im Juni 2016 erschienen ist, spricht sie meine Istan­buler Erin­nerun­gen an und lässt die beschriebene Sit­u­a­tion vor meinen Augen lebendig wer­den:

 

Ein solch­er Regen

In Istan­bul reg­net es
an einem Jan­u­artag in Strö­men
die Däch­er reg­nen, die Straßen, die Läden
mit dem Regen­wass­er fließt alles
alles fließt Caga­loglus Straßen hin­unter
mit großen Augen blick­en die Häuser
blick­en stumpf, stumpf auf das Kopf­steinpflaster.

Das ist nicht nur eine großar­tige Beschrei­bung der win­ter­lichen Wirk­lichkeit Istan­buls, die mit dem touris­tis­chem Bild der son­ni­gen Som­mer­monate rein nichts gemein­sam hat und sie ist nicht nur der Aus­druck ein­er momen­ta­nen rein pri­vat­en Gefühlsstim­mung, nein, ich erkenne in diesen Zeilen auch die Verzwei­flung der poli­tis­chen Dich­terin Safiye Can über die poli­tis­chen Zustände in der Türkei, ange­fan­gen von den Gezi-Park-Protesten im Jahr 2013 bis zu den schreck­lichen Ereignis­sen, den Ver­haf­tun­gen und Folterun­gen nach dem Mil­itär­putsch vor weni­gen Monat­en. Eine poli­tis­che Safiye Can,

die ihre Stimme erhoben hat auf der diesjähri­gen Frank­furter Buchmesse, die am 18. Okto­ber mit dem aus ihrer Zelle

her­aus­geschmuggel­ten drama­tis­chen Appell der in Istan­bul inhaftierten türkischen Schrift­stel­lerin Asli Erdo­gan eröffnet wurde. In dieser Botschaft drückt sie ihre Hoff­nung aus, dass trotz der „unvorstell­baren Rohheit“ mit der in ihrem Land ver­sucht werde, „die Wahrheit zu töten“, auf ein Ende dieser Zustände hoffe. „Auch wenn ich nicht weiß, wie, aber die Lit­er­atur hat es immer geschafft, Dik­ta­toren zu über­winden.“

Der Vorste­her des Börsen­vere­ins des Deutschen Buch­han­dels, Hein­rich Rieth­müller ver­wies in sein­er Rede auf die 140 in der Türkei geschlosse­nen Medi­en­häuser, darunter 30 Buchver­lage und mehr als 130 dort inhaftierte Autoren und Jour­nal­is­ten. (Zitiert nach der FAZ vom 19.10.2016, Seite 1)

Und am 4. Novem­ber, nach der Ver­haf­tung der Chefredak­teure der „Cumhuriyet“,  ste­ht ein weit­er­er aus dem Gefäng­nis geschmuggel­ter Appell von Asli Erdo­gan in der „Frank­furter All­ge­meinen“: „Die türkische Regierung hat sich entsch­ieden, alle Geset­ze zu ignori­eren. … Jede Mei­n­ung, die auch nur ein biss­chen von jen­er der Herrschen­den abwe­icht, wird gewalt­sam unter­drückt.“ Sie fordert jet­zt unsere – der Europäer – volle Sol­i­dar­ität und Unter­stützung. Der Ver­gle­ich mit der Sit­u­a­tion in Deutsch­land nach dem 30. Jan­u­ar 1933 wird in der Türkei von Tag zu Tag real­is­tis­ch­er!

Bei der Beschrei­bung dieser Sit­u­a­tion darf aber kein Gefühl der moralis­chen Über­legen­heit aufkom­men – Alfred Müller-Felsen­burg hat nicht ohne Absicht nach den Erfahrun­gen des 3. Reich­es den Preis aus­drück­lich für „Aufrechte Lit­er­atur“ benen­nen lassen! Denn wie Safiye Can schon in einem Inter­view 2013 während der Gezi-Park-Proteste aus­drück­lich sagte: „ Die Europäer sind nicht unschuldig an der momen­ta­nen Sit­u­a­tion. Men­schen­rechtsver­let­zun­gen, Zen­sur und eine willkür­lich agierende Jus­tiz wur­den von den rneis­ten  überse­hen.( … ) Gle­ichzeit­ig hält man die Türkei aber seit Jahrzehn­ten hin, was den EU-Beitritt bet­rifft. Wenn sich ein großer Teil der türkischen Bevölkerung nun zunehmend dem Osten und dem kon­ser­v­a­tiv­en Islam zuwen­det, dann haben die Unentschlossen­heit und das schein­heilige Ver­hal­ten Europas maßge­blich dazu beige­tra­gen.( … ) Aber auch wir, jed­er einzelne von uns kann etwas tun. Wir dür­fen nicht schweigen, nicht nur im Bezug auf die Türkei. Die Welt gehört uns allen und was in den Geschichts­büch­ern ste­ht und vor allem auch ste­hen wird, ist unsere gemein­same Geschichte.

(Inter­view mit Safiye Can im Blog der Face­book Seite „Halte durch, Türkei“ am 17. Juli 2013)

Wenn man diese Worte im Ohr behält, dann ver­ste­ht auch der abendländis­che Leser das fol­gende „Hal­testellen“- Gedicht richtig, das mich zutief­st anrührt und eine ungestillte Sehn­sucht aus­löst nach dem Istan­bul, wie ich es erlebt habe vor fast 50 Jahren beim Ruf des Muezzins im Wech­sel von Tag und Nacht, mir Ver­trauen ein­flößend, nicht Furcht vor dem Frem­den und es hat für mich den gle­ichen Stel­len­wert bekom­men wie Orhan Velis berühmtes Gedicht – neu von Safiye Can über­set­zt – „Ich höre Istan­bul mit geschlosse­nen Augen“

Des Muezzins Ruf am Mor­gen fehlt mir hier                                                                             
waren Sie schon mal in Sul­tanah­met

Da sin­gen sie aus dem Minarett
so schön, dass man fliegen möchte
ken­nen Sie Vorurteile?

Ver­ste­hen sie gar nicht so was?
Sehn Sie, drum hab ich mir
diese Hal­testelle gemacht
ein biss­chen Stahl hab ich gemacht
die Möwen ver­mis­ste ich auch
so sehr, aber er ging
ein­fach so, ver­stehn Sie das
wohin sollte ich die Möwen tun?

Michael Star­cke schreibt dazu in sein­er in der 2. Auflage von „Diese Hal­testelle hab ich mir gemacht“ als Nach­wort abge­druck­ten Rezen­sion von 2015:

Die Hal­testelle der Dich­terin ist ein Ort für Gedanken, Illu­sio­nen, Reflex­io­nen und vielle­icht ein erlösender Ort; „Leben und Wesen“ der Dichtkun­st und Heimat der Fan­tasie:

Wo immer ich bin, da ist Heimat
da ist die Heimat­frage, da ist Ferne

ich ver­lor mich mal, andere ver­loren sich
und fand mich wieder; viele blieben ver­schollen
aus den Wörtern die richti­gen zu fis­chen
darauf kommt es manch­mal an

Safiye Cans neues Buch ist nicht nur für heute wichtig und passend. Es ist Poe­sie, die einen zu einem besseren Men­schen macht, so tröstlich wie ein geschenk­tes Bett und eine wär­mende Decke. Es ist kurzum eine Tür, geöffnet für Fre­und­schaft, Liebe und Mut zum Ver­ste­hen und zur Ver­ständi­gung, ein Meis­ter­w­erk.“

Soweit die ver­ständ­nisvollen Worte und Gedanken des Dichters Michael Star­cke für das Werk der Dich­terin Safiye Can, die zu Hause ist in Worten und Gedanken, in Abend­land und Mor­gen­land.

Mit den Worten des Frank­furters Johann Wolf­gang von Goethe, der sich auch in Offen­bach auskan­nte, will ich schließen:

Wer sich selb­st und andere ken­nt,
wird auch hier erken­nen:

Ori­ent und Okzi­dent sind nicht
mehr zu tren­nen.“

Safiye Can erhält heute zu Recht von uns den „Alfred-Müller-Felsen­burg-Preis für Aufrechte Lit­er­atur“, auch für ihre 2014 erschienene Erzäh­lung „Das Halb­halbe und das Ganz­ganze“ von der Michael Star­cke tre­f­fend bemerkt: „Wie gesagt, Safiye Can kann auch Prosa und wie!“

 Für ihre Dich­tung und ihre Men­schlichkeit bei  der Ver­mit­tlung ihrer bei­den Kul­turen danken wir ihr!   

Am kom­menden Fre­itag, dem 11.11.2016 erhält sie in Wup­per­tal den „Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis“ – dazu unseren aufrichti­gen Glück­wun­sch!

Rudolf Damm